[Bilder] Schelmenfrühling in Füssen

Man kann zum Frühling nicht sagen: "Hoffentlich kommst du bald und dauerst lange." Man kann nur sagen: "Komm und segne mich mit deiner Hoffnung, und bleib so lange, wie du kannst." (Coehlo)

Und er kam, blieb drei wundervolle Tage und zauberte den ersten Hauch des Marktsommers in unsere Herzen....

Freitag, 26.03.2010, Nachmittag, 17 Uhr - die Sonne schreint. Und für mich begann die Marktsaison 2010. Der erste Markt des Jahres, halb Indoor, halb Outdoor.
Location für das ganze Spektakel war das Festspielhaus in Füssen, ein moderner Rundbau mit viel Beton. Doch schon beim Betreten des Marktes, nachdem man an der Festspielhauskasse gezahlt hatte und von den gelb-schwarzen Rittern den Besucherstempel bekam, trat man in die mittelalterliche Zauberwelt ein, die man über den trüben Winter doch vermisste: Beerenweinflaschen begrüßten einen – schick dekoriert auf einem Brunnen, in Körben und um die Weinkutsche verteilt. Ja – man war zu Hause. Das hatte man vermisst.
Links und rechts von Schmuck- und Kleidungsständen, Tongefäßen und Seifen, und was man eben sonst noch so braucht, kurz gefesselt von träumend faszinierten Augen der Kinder vorm Mäuseroulette und Musik der Mundräuber streiften wir durch den ersten langen Marktgang. Der Betonbau störte kaum noch, da die Atmosphäre des Marktes einfach aufkommen konnte – obwohl ich kein Fan von Indoor-Märkten bin.

Leider wurde dieses Gefühl unterbrochen, da eine Tür uns in den zweiten Abschnitt des Festspielhauses führte, wo keine Stände, sondern eine Hauseigene Bar und schwarze Sessel mitten im Betonambiente standen – schnell durchgelaufen und in Abschnitt drei. Da ist die Bühne! Mitten im Raum, umringt von weiteren Kleidungs- und Utensielienständen, sowie dem Getränkeverkauf.
Schelmish ließen grad die Beine der ersten Besucher fliegen, als wir hinzukamen und beschlossen erst einmal etwas zu essen und den Dudelsackklängen von draußen zu lauschen. Wir hatten Auswahl zwischen Crepes in jeglichen Varianten und den Köstlichenkeiten von Mundgerecht. Klar – ich war in Männerbegleitung, also: Fleisch. Ich flüchtete mich an die Drachenschenke, die ebenfalls beim kleinen Outdoorbereich stand und ließ mir erstmal einen Met schmecken, während die anderen auf ihr Essen warteten. Auf der Suche nach einer freien Sitzmöglichkeit (die modernen Plastiktische draußen waren, auch wenn unmittelalterlich, unheimlich praktisch) streiften wir den Zuber, wo doch tatsächlich auch Menschen ihr erstes Bad des Jahres nahmen. Nach dem Essen noch schnell zum Lager gucken, dass im Aufbau war, mitten im trockenen Seebett – es wurde letztendlich erst Samstag morgen aufgebaut, da ein fiese Strumfront ein Lager von Freitag auf Samstag unmöglich zu machen schien, aber Samstag zur Markteröffnung stand es.

Wir waren also wieder im normalen Wochenendrythmus. Und nach und nach traf man Bekannte, Freunde, Menschen, die man lange nicht gesehen hatte und viele die man neu kennen lernte, denn es war ja Schelmenfrühling Nummer eins.

Letztendlich liefen die zweieinhalb Tage ziemlich identisch ab, Ankommen bei Eröffnung des Marktes, man schaute hier und da einen Programmpunkt an, der die Bühne füllte, führte Gespräche, tauschte die Erfahrungen des Winters aus und plante gemeinsam das Jahr und wo man sich wiedersah. Sobald die Sonne draußen war, schnappte man diese auch im Outdoorbereich auf, wenn es regnete, vertrieb man sich die Zeit lieber Indoor – es war sehr praktisch diese Wahl zu haben... - abends kurz an der Schenke versumpfen und dann nachts in Quartier.

Die Höhepunkte dieser Tage waren vielfältig und unterschiedlich. Nicht nur von den Darbietungen, sondern auch vom Publikum. Auch wenn sich die Besucherzahlen in Grenzen hielten, konnte man beobachten, dass gehäuft bestimmte Personengruppen zu dem Einen, andere zu dem Anderen Künstler kamen.

Kerry, die Kugelfee, verzauberte mit ihrer Kontaktjonglage jung und alt und eben auch viele die den Meister dieses Fachs aus dem Fernsehen kannten. Die Mundräuber brachten sowohl Mittelalterfans als auch Erstmarktbesucher zum Lachen mit Liedern über Liebesbeziehungen, Verstoßene und verzweifelte Taten der Dummheit. Shri Magada brachte auf seinem Teppich nicht nur die Kultur Indiens, sondern auch die Magie der Welt nach Füssen und ließ Kinderaugen leuchten, Herzen der Jugendlichen lachen und Erwachsene fassungslos staunen.

Tagsüber fand im Outdoor-Bereich immer mal wieder der Schwertschaukampf der Fenris-Krieger statt bei dem Schwerter auf Schilder klirrten, Schwarzpulver die Ohren sausen ließ und Formationen gezeigt wurden. Abends war der Bereich zwischen Terasse und Ständen für eine halbe Stunde der Feuershow von Aurela Feuer & Tanz vorbehalten bei dem Aurela und Romy in orientalisch angehauchten Kostümen mit allerlei Instrumentarium Flammen balancierten, Glasscherben überwunden und mit hübscher Choreographie bannten.

Und damit der Name der Veranstaltung auch berechtigt war: Schelmenblut – das etwas andere Theater – durfte natürlich nicht fehlen beim Schelmenfrühling. Sie zeigten uns mit Witz und Charme in mehreren Auftritten, wie sie sich wiedervereinigten. Natürlich durfte die obligatorische Tür nicht fehlen, die vergessen wurde einzupacken und dadurch von einem Menschen aus dem Publikum dargestellt werden musste. Ja – auch ein Schankwirt mit Whiskeyflasche kann eine tolle standfeste Eichentür sein, wie wir lernten...

Doch das waren ja nicht die einzige schlemishen Gesichter, die die Bühnen zierten. Natürlich war ein Magnet für Menschen, die der Musik und dem Mittelalter verfallen sind, das Abendkonzert von Schelmish im Theatersaal des Festspielhauses. Alle drei Abende ließen die Schelmen dort Trommeln, Dudelsack und Stimmen erklingen. Doch neben den Tönen waren auch die visuellen Wahrnehmungen ein wahres Spektakel. Diese Spielleute standen auf einer klassischen Theaterbühne, der Raum um die Bühne herum komplett in schwarz gehalten. Im Hintergrund der Band stand ein romantisch anhauchendes Bühnenbild, mit Treppe und Tür (die Picus zum hoch und runter rennen, sowie rein und raus gehen unglaublich interessant fand – anscheinend), düster, märchenhaft... und davor, auf dem Schandfleck: Luzi das L. Ein wunderbares Bild. Auch wenn die Konzerte nicht überfüllt waren und die Stuhlreihen im Zuschauerraum störten, kam eine ungeheure Stimmung auf und Dextro sah das ganze irgendwann nur noch als „öffentliche Probe“ an, damit der „Neue aus Berlin“ mehr Übung bekommt.

Damit lässt sich wohl die Stimmung mit der die Teilnehmenden Künstler und Händler den Markt verließen recht gut beschreiben: „Öffentliche Probe“, „Techniktest im Allgäu“ oder auch „Aller Anfang ist schwer“.

Für mich war es ein wunderbares Wochenende, ein würdiger Stimmungsauftakt und ein freudiges Wiedersehen und Kennenlernen von vielen lieben Menschen. Bitte liebe Schelmen, lasst uns solch einen Frühling nochmals erleben.

von Jeany Leinweber - 05. April 2010

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aktualisiert: 05.04.2010