[Bilder] Herb und Biene in Guédelon - ein Abenteuerbericht. 14. Juli 2012

Kaum zu glauben, dass wir das wirklich mal eben hinbekommen haben. Da das MPS in Bückeburg für dieses Wochenende einfach zu weit und zu unwirtschaftlich war und Kaltenberg nächstes Wochenende auf dem Programm steht, haben wir uns mehr oder weniger spontan entschlossen, den Franzosen einen Besuch abzustatten.

Das Ziel heißt offiziell „Chantier mediéval de Guédelon“. Guédelon? Schon mal gehört? Im Prinzip einfach erklärt. Seit mittlerweile 16 Jahren bauen im Burgund ein Haufen Verrückter eine Burg. Und zwar so, wie sie im 13. Jahrhundert gebaut worden wäre.

Angefangen hat das Ganze mit einer anderen Burg. Der Initiator Michel Guyot hat sich 1979 für ein paar Tausend Francs zusammen mit seinem Bruder Jacques im nahe gelegenen Saint-Fargeau eine halb verfallene Burg gekauft. Während der Restaurierungsarbeiten ist die Idee entstanden, die Bauweise und die Hintergründe dadurch besser zu verstehen, indem man selbst eine Burg baut. Gesagt, getan. Nun gut, ganz so einfach war es nicht. Nachdem die richtigen Menschen ins Boot geholt wurden, finanzierte sich die Gemeinschaft zu Beginn der Bauzeit als Verein größtenteils von Spenden. Im ersten Jahr, als gerade mal 3 Steinreihen standen, kamen trotzdem 50.000 Besucher nach Guédelon. Nach vier Jahren wurden bereits so viele Besucher pro Jahr (etwa 300.000) begrüßt, dass sich das Projekt, selbst tragen kann. Ich habe schon vor etwa zehn Jahren von dem Projekt gehört und hatte mir seitdem immer wieder gesagt: „Irgendwann fahr ich mal da hin!“

Das Abenteuer beginnt. Ich bin echt alles andere als ein Morgenmensch. Vor 11 Uhr kann man mit mir einfach nicht viel anfangen. Aber da unser Freund Google gesagt hat, dass wir nach Guédelon wohl 5 Stunden brauchen werden, müssen wir früh raus. Deshalb ist der liebe Herb schon Freitagabend zu mir gekommen. Nach gefühlten 20 Minuten Schlaf klingelt Samstagmorgen um 5 Uhr mein Wecker. Ich schlapfe in bester Zombie-Manier ins Bad und bin wider Erwarten nach einer Dusche, einem Kaffee und einem Hagebuttenmarmeladenbrot ziemlich wach. Bis wir alles im Auto verstaut haben und Klaus-Bärbel (dem Navi) erklärt haben, wo wir hinwollen, ist es schon 6 Uhr 28. Jetzt aber los!

Die Fahrt durch Frankreich ist spannend. Mit ordentlich laut Queen auf den Ohren erreichen wir das Burgund und freuen uns und staunen über die teils recht weiten Ebenen, die sich uns von der Autobahn aus eröffnen. Der Blick erstreckt sich Kilometer weit über gelbe Felder, immer wieder unterbrochen von kleinen, bewaldeten Hügeln. „Ganz schön viel Gegend, hier“ kommentiert mein Lieblings-Chauffeur. Die „Burgenrate“ ist verblüffend. In die eine oder andere Burg, die auf uns runter blickt, möchte man sofort einziehen. Ein Traum.

Als wir in Saint-Saveur ankommen, zeigt sich mal wieder, Chaos-Biene hat ganze Arbeit geleistet hat. Ich habe keine Ahnung, mit welcher Campingplatz-Beauftragten ich vorgestern telefoniert habe, aber für diesen Campingplatz war sie wohl jedenfalls nicht zuständig. Nein, ein „camping municipale“, einen städtischen Campingplatz gäbe es hier nicht mehr, meint der Platzwart, der wäre vor 10 Jahren abgebrannt. Hab ich mit einem Geist telefoniert? Der Seele einer armen Rezeptionistin, die damals in den Flammen ums Leben gekommen ist, vielleicht? Lieber nicht so genau drüber nachdenken!
Glücklicherweise ist hier auf dem Platz noch was frei. Zelt aufbauen und ab zum sieben Kilometer entfernten Guédelon.

Im ersten Moment bin ich traurig, dass wir nicht in Gewandung aufgetaucht sind. Es wäre schön gewesen, sich von den etlichen in bunten Regenjacken gepackten Touristenschwärmen, die bereits über den Parkplatz strömen, etwas abzuheben. Aber egal. Das Wetter ist generell auf unserer Seite. Seit 2 Wochen hat es auf der Baustelle durchgeregnet, gut zu sehen an den braunen Seen im Burggraben, heute ist es meist trocken mit Sonne und nur ein paar Regengüssen zwischendurch. Bis unsere Führung anfängt, drehen wir eine erste Runde und lassen die Kulisse auf uns wirken. Schon die Scheune im Eingangsbereich mit ca. drei Meter hohem Giebelkamin ist eindrucksvoll. Wir drehen eine erste Runde um das Gebäude. Die Grundmauern sind im vorderen Bereich erst einige Meter hoch, der Bergfried hat von seinen geplanten 30 Metern Höhe bereits 17 erreicht.

Der Kran mit zwei Laufrädern auf seinem Dach bewegt bis zu 500 Kilo Material. Der Pallas mit seinen frühgotischen Fenstern aus Sandstein sieht auch schon recht fertig aus, wenn man von dem Loch im Dach und dem noch unvollständigen Innenausbau absieht. Der Kapellenturm ist erst ein paar Meter hoch. Trotzdem sieht das Bauwerk schon recht imposant aus.

Die Burg selbst steht in ihrem eigenen Steinbruch aus teilweise recht eisen- und silikathaltigem Sandstein. Im Wald rund um die Burg sind die einzelnen „Zulieferer“ angesiedelt. Hier finden sich die Steinmetze, die Zimmerleute, die Lehmgrube, die Ziegelei, Seilerei, Töpferei, Korbflechter, Färber inkl. Schafen, Kühen, Schweinen und Pferden. Ein durchgeknallter Alchemist hat seine fassrunde, mit Holzschindeln bedeckte Hütte im Wald und amüsiert mit seiner Show die Kinder.

Um 14.00 Uhr sind wir angemeldet zur englischsprachigen Führung. Wir sind wunderbarer Weise sechs Personen. Also nur Herb und ich und eine niederländische Familie, die sich ebenfalls dazu bereit erklärt, die Führung gegen die eigentliche Absprache auf Deutsch zu machen. Dem Guide ist es recht. Er ist ein Steinmetz, der mittlerweile mehr Führungen durchführt, weil er der körperlich sehr anstrengenden Arbeit langsam nicht mehr gewachsen ist. Er gibt uns eine Stunde lang so viele Informationen, dass ich jeglichen vernünftigen Rahmen sprengen würde, schriebe ich alles hier auf.

Auf dem Gelände findet sich natürlich auch eine Taverne. Hier ist nichts mehr authentisch, das Essen eher mittelmäßig, der Cider allerdings sehr lecker, genau wie die Zimt-Kardamom-Creme zum Dessert, klar, die ist ja auch von Danone.

Alles in Allem hat sich der Aufwand gelohnt. Es war ein spannender Tag und mir tut es weder um die 5 Stunden Anfahrt noch um die 10 Euro Eintritt pro Nase leid. Ich finde es wunderbar, dass es tatsächlich Leute gibt, die einen total durchgeknallten Traum in die Tat umsetzen. Die nicht nur leeres „Carpe-diem“-Gerede von sich geben, sondern wirklich etwas so Spannendes auf die Beine stellen. Da gehört mit Sicherheit eine Menge Mut dazu. Hut ab! Aber ganz offensichtlich hat sich es gelohnt. Guédelon ist nicht nur eine schnöde Baustelle, wenn man sich die ganzen Normalos wegdenkt, kann man wirklich ein ganz kleines Bisschen in die Geschichte eintauchen und sich vorstellen, wie es als Burgherr(in) wohl so gewesen wäre.

Abends fallen wir nach einer kurzen Brotzeit direkt am See sehr früh in unser Zelt und verschlafen sowohl das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag als auch unzählige Regengüsse in der Nacht.

Der Rückweg ist wie immer flott. Nach Hause gehts ja immer schneller. Noch eben in Saint-Saveur ein echtes Baguette mitgenommen und schon um 9 sind wir wieder auf der Straße Richtung Deutschland. 900 Kilometer für mich, insgesamt etwa 1650 Kilometer für Herb, der mich ja erst von Schöllkrippen aus in Weil abgeholt hat. Eine ordentliche Bilanz für ein Wochenende, würde ich sagen. Was übrig bleibt, ist der Vorsatz, in etwa 4 Jahren auf der Baustelle nochmals nach dem Rechten zu sehen, der Plan, bald mal eine „Burgentour“ durch die Bourgogne zu unternehmen und ein breites Grinsen im Gesicht.

von Biene am 16.07.2012 zurück


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aktualisiert: 17.07.2012